Was macht ein:e Familienberater:in?
Was macht eigentlich ein:e Familienberater:in von Espoir und was bedeutet die Arbeit für die Kinder und Jugendlichen, die begleitet werden? Unsere Familienberater:innen arbeiten in unterschiedlichen Kontexten
und begleiten Kinder, Jugendliche und Familien sowie Pflegefamilien und Pflegekinder in verschiedenen Dienstleistungen: in der Sozialpädagogischen Familienbegleitung, in der Besuchsbegleitung, im Jugendcoaching sowie in der Begleitung von Pflegeverhältnissen. Für unseren Jahresbericht wollten wir die Perspektive der Kinder und Jugendlichen hören. In Gesprächen mit ihnen haben unsere Familienberater:innen nachgefragt: Wie verstehen sie die Rolle der sozialpädagogischen Begleitung? Wie haben sie den Anfang der Zusammenarbeit erlebt und wie fühlt sie sich heute an?
Dass dabei mehrheitlich Mädchen und junge Frauen zu Wort kommen, war nicht geplant. Unter den von uns begleiteten Kindern und Jugendlichen sind die Geschlechter ausgeglichen. Möglicherweise haben sich
die Mädchen und jungen Frauen schlicht häufiger bereit erklärt, über ihre Erfahrungen zu sprechen.
Die Antworten der Kinder sind ehrlich, manchmal überraschend und oft berührend. Sie zeigen, was Beziehungsarbeit bedeutet: eine verlässliche Beziehung, in der Vertrauen wachsen kann und Kinder sich gesehen und ernst genommen fühlen.
«Du kommst, weil wir Hilfe brauchen»
Für viele Kinder und Jugendliche ist zunächst klar: Ein:e Familienberater:in kommt, wenn es in der Familie schwierig ist. Max (11) formuliert es so: «Du kommst zur Familie, wenn es Probleme gibt und jemand Unterstützung braucht.» Für ihn unterscheidet sich die Rolle klar von der einer Lehrperson, die unterrichtet und bewertet: «Eine Familienberaterin begleitet.» Bemerkenswert ist dabei, wie differenziert Max seine Beobachtungen beschreibt. Begriffe wie «unterstützen» und «begleiten» wählt er ganz selbstverständlich. Auch Tuana (12) bringt es auf den Punkt: «Die Familienberaterin kommt zu uns, weil wir Hilfe brauchen», und ergänzt: «Sie muss gut erklären und Fragen beantworten können.»
Andere Jugendliche beschreiben die Aufgabe etwas differenzierter. Elena (14) versteht die Begleitung so, «dass geprüft wird, ob es den Kindern und Familien gut geht». Wichtig ist ihr, dass die Familienberater:innen
mit der Familie arbeiten und «nicht gegen sie» und dass sie die Kinder direkt ansprechen. Emma (16), die lange in einer Pflegefamilie gelebt hat, beschreibt die Rolle so: «Du bist eine Vertrauensperson bei heiklen Themen.» Sofia (18) ergänzt eine weitere Dimension: Für sie ist die Familienberaterin diejenige, die darauf achtet, «dass es dem Pflegekind in der Pflegefamilie gut geht», und die unterstützt, wenn es zum Beispiel im Kontakt mit ihrer leiblichen Mutter Herausforderungen gibt. Diese Perspektive zeigt, wie wichtig eine verlässliche Begleitung ist – für das Pflegekind ebenso wie für die Pflegefamilie. Unser Auftrag, das Wohlergehen der Kinder im Blick zu behalten, verstehen wir als Teil einer Partnerschaft: Pflegeeltern und Fachpersonen arbeiten gemeinsam daran, dass Kinder gut aufwachsen können.
Auch wenn nicht alle Kinder die Aufgabe genau benennen können, ist ihnen eines gemeinsam: Sie erleben die Familienberater:innen als Menschen, die zuhören, helfen und gemeinsam mit ihnen Lösungen suchen.
Max sagt dazu schlicht: «Ich rede mit der Familienberaterin und wir finden gemeinsam Lösungen.»
Der erste Moment: nervös, überrumpelt, glücklich
Viele Kinder erinnern sich noch gut an den Anfang der Begleitung. Tuana erzählt offen: «Das erste Mal, als die Familienberaterin zu uns kam, war peinlich, weil ich nicht vor meiner Mutter sprechen wollte.» Heute sei
das anders: «Jetzt kann ich viel offener reden als damals.» Auch Nadia (17) war beim ersten Termin nervös. «Ich kannte dich ja noch nicht», sagt sie. Inzwischen hat sich das verändert: «Jetzt ist das nicht mehr so. Ich
kann dir alles erzählen, was mich im Herzen und Kopf beschäftigt.» Für Elena war das erste Treffen vor allem ungewohnt. Diese Form der Begleitung kannte sie vorher nicht. Entscheidend war für sie, dass die Familienberaterin von Anfang an klar erklärte, worum es geht.
Manche Kinder erinnern sich gar nicht mehr an den ersten Besuch. Max sagt: «Ich weiss nicht mehr, wie das erste Mal war.» Für ihn zeigt sich die Veränderung eher im Rückblick: «Heute ist es schon anders als am Anfang. Es hat ein wenig geholfen.»
Lena (14) erinnert sich dagegen sehr gut an ihre erste Begegnung mit der Familienberaterin. «Beim ersten Mal war ich glücklich, dass jemand für mich zu mir kommt», erzählt sie.
Diese unterschiedlichen Erfahrungen zeigen: Der Einstieg kann für Kinder ganz verschieden sein. Was jedoch immer wieder deutlich wird: Mit der Zeit entsteht Vertrauen.
Vertrauen wächst
Wenn Kinder und Jugendliche beschreiben, wie sie sich heute fühlen, wenn ihr:e Familienberater:in kommt, fallen oft ähnliche Worte: ruhig, frei, wohl.
Tuana sagt: «Wenn die Familienberaterin bei mir zu Hause ist, fühle ich mich frei, um sprechen zu können.» Auch Lena beschreibt diese Erfahrung: «Wenn du da bist, fühle ich mich entspannt, glücklich und ruhig.» Für
Elena ist besonders wichtig, dass sie authentisch sein kann: «Ich kann einfach ich selbst sein und muss mich nicht verstellen.» Nadia erzählt, dass sie heute Themen ansprechen kann, die sie früher für sich behalten hätte. Zum Beispiel Schwierigkeiten mit einer Lehrperson. Auch sonst hat sie an Sicherheit gewonnen: Gemeinsam mit ihrer Familienberaterin hat sie telefoniert, um Schnupperlehren zu organisieren – etwas, das sie sich vorher nicht zugetraut hätte.
Sofia beschreibt Vertrauen auf ihre eigene, ruhige Art. Sie ist von Natur aus zurückhaltend gegenüber Menschen, die sie nicht gut kennt. Dass sie heute mit ihrer Familienberaterin auch ein Einzelgespräch führen kann,
ohne auf die Unterstützung ihrer Pflegeeltern angewiesen zu sein, ist für sie eine echte Veränderung. Entscheidend war dabei die Person: «Es kommt darauf an, ob jemand mit mir ins Gespräch kommen kann», sagt sie. Bei ihrer heutigen Familienberaterin gelingt ihr das – bei der Vorgängerin war es schwieriger.
Und auch bei den jüngsten Kindern wird die Beziehung sichtbar. Leila (4) sagt: «Ich fühle mich fröhlich, wenn du kommst.» Für sie gehören zum Besuch Basteln, Kneten, Spielen und Reden. Diese Aktivitäten sind dabei
mehr als Zeitvertreib: Über das gemeinsame Spielen entsteht Beziehung und damit die Grundlage für alles weitere.
Was Kinder besonders schätzen
Wenn Kinder erzählen, was sie mit den Familienberater:innen machen, entsteht ein vielfältiges Bild. Gespräche spielen eine wichtige Rolle, aber ebenso gemeinsame Aktivitäten.
Max erinnert sich besonders gern an ein Mutter-Kind-Lager von Espoir. Das Trampolin, das gute Essen und eine lustige Verwechslung mit dem Wort «Aperto», das als «Alberto» verstanden wurde, sind ihm bis heute
in Erinnerung geblieben. Mit anderen Kindern wird gebastelt, gespielt oder es werden Ausflüge gemacht. David (4) erzählt begeistert von Fahrten mit Tram, Zug oder Bus. Ein Highlight war für ihn der gemeinsame Besuch im Trammuseum mit seinem Vater im Rahmen einer Besuchsbegleitung. Solche Aktivitäten schaffen einen natürlichen Rahmen für Gespräche. Im gemeinsamen Unterwegssein entstehen ganz selbstverständlich wichtige Momente des Austauschs.
Für ältere Jugendliche steht das Gespräch stärker im Zentrum. Lena schätzt es, dass sie über ihre Gefühle sprechen kann und dabei Unterstützung bekommt, die richtigen Worte zu finden. «Wir besprechen gemeinsam Lösungen», sagt sie, etwa für schwierige Situationen in der Schule.
Emma nennt dafür ein Wort, das zunächst nüchtern klingt, im Kontext ihrer Geschichte aber vielsagend ist: «Du bist neutral.» Emma lebt, seit sie ein Kleinkind ist, in einer Pflegefamilie. Häufig stand sie zwischen verschiedenen Familien mit verschiedenen Erwartungen. Jemanden zu haben, der keine eigene Agenda mitbringt: Das war für sie das Entscheidende.
Sofia erlebte die Familienberaterin besonders in schwierigen Momenten als Stütze: Bei den Besuchsbegleitungen, wenn der Kontakt zum Vater belastend wurde, war sie ein Schutz. Aber auch ganz konkret im Alltag: Die Familienberaterin stand ihr bei, als die Beiständin sich für sie manchmal unverständlich verhielt. Begleitung bedeutet hier nicht nur zuhören, sondern auch für jemanden einstehen, wenn er oder sie das selbst (noch) nicht kann.
Auch Fatima (18) beschreibt, wie sich die Zusammenarbeit im Laufe der Zeit verändert hat. Früher fanden die Treffen gemeinsam mit ihrer Mutter statt, heute trifft sie sich allein mit der Familienberaterin. Dadurch haben sich auch die Themen verändert. Sie erzählt schmunzelnd, dass sich die Kommunikation mit ihrer Mutter insgesamt verbessert habe, «auch wenn wir gerade wieder einen Rückfall haben».
Kleine Veränderungen – grosse Wirkung
Die Kinder und Jugendlichen beschreiben Veränderungen, die messbar sind. Nicht in Zahlen, aber in Erlebnissen. Bei Elena hat sich die Beziehung zu ihrer Mutter verbessert. «Ich kommuniziere mehr mit ihr», sagt sie, und dass ihre Mutter sie besser verstehe. Lena erzählt, dass sie durch die Unterstützung ihrer Familienberaterin und den Austausch mit der Schulpsychologin die Schule wechseln konnte. Ein wichtiger Schritt für sie.
Auch Nadia beschreibt Veränderungen: Sie ist heute selbstsicherer und traut sich Dinge zu, die ihr vorher schwerfielen.
Lena benennt noch etwas, das viele wohl ähnlich erleben: «Die Familienberaterin zeigt mir, wie ich meine Gefühle in Worte fassen kann.» Beziehungsarbeit bedeutet hier nicht nur Unterstützung im Alltag. Sie gibt
Sprache für das, was vorher unsagbar war. Tuana formuliert es sehr poetisch: «Meine alten Fragen, die ich niemandem stellen konnte, wurden gegen neue Fragen ausgetauscht, die ich fragen kann.» Eine Aussage, die lange nachhallt. Aus Schweigen ist Sprache und Austausch geworden.
Wissen, dass andere Familien ebenfalls begleitet werden
Fast alle Kinder wissen, dass ihr:e Familienberater:in auch zu anderen Familien geht, und finden das gut.
Elena sagt, dass sie es positiv findet, dass die Familienberater:innen mehrere Familien begleiten. Auch Tuana und Lena sehen darin etwas Selbstverständliches: Familienberater:innen helfen eben vielen Familien.
Bei Nadia kam diese Erkenntnis erst später. «Am Anfang dachte ich, du kommst nur zu mir», erzählt sie. Erst als sie den vollen Kalender ihrer Begleiterin sah, wurde ihr klar, dass viele andere Kinder ebenfalls Unterstützung bekommen. Sofia hat ihre Familienberaterin bei Espoir-Ferienlagern und am Pflegefamilienfest mit anderen Familien erlebt. Für sie ist das völlig selbstverständlich.
Was sie anderen Kindern sagen würden
Zum Abschluss haben wir die Kinder gefragt, was sie einem anderen Kind mitgeben würden, das bald eine:n Familienberater:in kennenlernt. Die Antworten gleichen sich, obwohl sich die Kinder nicht kennen. Viele ihrer Antworten drehen sich um Mut und Offenheit.
Tuana würde sagen: «Rede offen mit ihr. Sie hilft und macht deine Probleme wirklich nicht grösser.» Lena sagt: «Die Familienberaterin ist sehr nett. Du kannst alles sagen, was du möchtest.» Nadia gibt einen praktischen Rat: Die Termine sollte man ernst nehmen und nicht schwänzen. Fatima findet: Kinder und Jugendliche sollten einer Familienbegleitung möglichst ohne Vorurteile begegnen. Sofia sagt es kurz und herzlich: «Sie ist meganett und unterstützend.»
Und manchmal sind die Antworten auch ganz direkt. Mia (13) sagt, die Familienberaterin komme zum Reden und Spielen – und wenn ein Kind einmal keine Lust darauf habe, könne es einfach ins Zimmer gehen.
Fazit der Kindergespräche
Die Gespräche mit den Kindern und Jugendlichen zeigen, wie unterschiedlich sie Familienbegleitung erleben und was ihnen dabei wichtig ist. Am Anfang stehen oft Unsicherheit oder Zurückhaltung. Mit der Zeit entstehen Vertrauen, Austausch auf Augenhöhe und gemeinsame Lösungen.
Die Kinder beschreiben ihre Familienberater:innen nicht in fachlichen Begriffen. Sie sprechen davon, dass jemand zuhört, erklärt, mit ihnen spielt, Fragen beantwortet oder ihnen hilft, Worte für ihre Gefühle zu finden. Gerade diese einfachen Beschreibungen machen sichtbar, was im Kern der Arbeit steht: Beziehung.
Danielle Silberschmidt Lioris
Verantwortliche Kommunikation und Projektmanagement
